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Briefe - Aus Perm

 

Montag. Der Arztbesuch.
Ohhhhhh, schon wieder... Mein Kleiner ist krank, in der Nacht - Fieber bis 38,6. Ich habe ihm Nurofen gegeben und konnte einige Stunden schlafen. Am Morgen habe ich meine Kollegin angerufen und gesagt, ich komme nicht zur Arbeit; dann habe ich probiert, die Poliklinik per Telefon zu erreichen. Nun, klar: besetzt! Das musste man erwarten: nach dem Wochenende gibt es besonders viel Arztbestellungen...

 

So, endlich: eine Frauenstimme klingt im Hörer... Aber sie spricht nicht mit mir... Gut, das heißt, neben dem Fenster der Registratur steht jemand, mit wem sie gerade ein Gespäch führt. Ich bin geduldig und warte einfach, wenn ich an die Reihe komme. Aha... Ich bin von der Frau angesprochen worden, nenne den Grund der Bestellung (Fieber), Alter des Kinds, seine Name und Vorname, unsere Adresse, Stockwerk und die Festnetznummer. Die Frau sagt: "Warten Sie, der Arzt kommt". Guuuuuuuuuuuuuuuuuuuuut.
Mein Junge hat keine Lust zu liegen, springt auf dem Sofa und will herumlaufen. Ich habe Zweifeln, dass solches Benehmen von der Ärztin gelobt sein kann, aber ich kann nicht gegen diese entfesselnden Elemente kämpfen: Kinder vergessen bald ihre Leiden, wenn der Schmerz weggeht. Eigentlich, sehr gute Einstellung... Aber das Fieber klettert nach oben, ich  erkenne das nach seinen flammenden Wangen, nach seinen Launen... Ins Bett, Kind! Bald kommt die Ärztin, du musst liegen. 38,9... Mein Gott! Nasse Lappe auf den Stirn, noch eine Dosis Nurofen... Oder nein, lieber Kinderpanadol: man muss Medikamente wechseln, so sagte mir mal eine Ärztin...

Unsere Ärztinnen... Mein Kind ist 4 Jahre alt, seit seiner Geburt war unser Haus schon dreimal zu verschiedenen Arztbereichen zugeschrieben, wir haben vier Arzträume in der Poliklinik gewechselt, die Zahl der Ärztinnen, die uns betreuen mussten, kann ich nicht so leicht nennen - 7? 8? Dabei musste es normalerweise eine ständige Pädiaterin sein, die jedes Kind seit Anfang seines Lebens und bis 18-jährigem Alter behandelt, seine Familie und seine Anamnese wie ihre fünf Finger  kennt... Oh, man klingelt an der Tür!

Die Ärztin - schon wieder eine mir unbekannte Dame! - kommt mit ernstem Gesicht. "Unsere" wäscht ihre Hände vor der Untersuchung, "diese" hält das für überflüssig, geht sofort ins Zimmer, fragt, was los ist. Mein Sohn ist inzwischen eingeschlafen, man muss ihn  nun wecken. Schade...  Aha, Panadol hat gewirkt: mein verschlafener Junge ist nicht mehr heiß, starrt die "Tante" an und reagiert sehr faul auf ihre Worte. Sie horcht ihn ab, schaut seinen Hals, den er ihr sehr richtig und gut zeigt - seitdem er Kindergarten besucht, ist er jeden Monat krank und hat darum gelernt, tief zu atmen und den Mund breit aufzumachen... Die Ärztin ist zufrieden. Sie fragt, wie ich ihn behandle, ich nenne alle Medikamente, die ich meinem Kind schon gebe: Antivirusmittel, Aerosol für Hals, Arzneimittel gegen dem Fieber - bei der Not. Sie notiert das fleissig, als wenn sie das selbst meinem Sohn verschrieben hat, und ich bin eigentlich absolut nicht überrascht: Medikamente sind schrecklich teuer, Ärzte gehen meistens davon aus, was der Patient schon zuhause hat. Und ich bin auch eine erfahrene Mutter, das kann man schon daraus schliessen, wie virtuos ich die pharmakologischen Namen nenne und richtig meinen Sohn kuriere. So, jetzt ist der kleine Patient ganz vergessen, ein wichtiges Sakrament beginnt. Die Krankenliste...  Ein blauer Formular mit kleinsten Feldern, die man sehr aufmerksam und fehlerlos ausfüllen muss. Ansonsten... Neulich lief meine Kollegin dreimal zu einer Ärztin, weil sie das Wort "ambulat" abgekürzt hat. Nächstes Mal hat die Ärztin das Wort bis zum Ende geschrieben, aber die nötige Aufschrift "dem Korrigierten - glauben" hat sie nicht gemacht. Nur nach dritter Visite zu dieser Dame hat meine Kollegin alle notwendigen Notizen und Stempel bekommen. Ja, bekannte Geschichte - den Weg habe ich auch einige Male durchgemacht.

Was ist denn die Krankenliste? Nun, das ist ein Dokument, das mir das Recht gibt, nicht zur Arbeit zu gehen und trotzdem einen Teil von meinem Gehalt doch zu bekommen, für diese Tage, die ich mit dem Kind zuhause verbringe, um ihn zu behandeln. Solches Recht haben in Russland alle Mütter der Kinder, die jünger als 7 Jahre alt sind. Das ist natürlich sehr bequem, vielleicht darum steht die Frage "Kinder oder Karriere" bei unseren Frauen nicht so kategorisch. Trotzdem hat Business seine Regeln: wenn eine Frau gut verdienen und ihren Platz in einer guten Firma nicht verlieren will, sucht sie eher eine Kinderfrau fürs Baby. Wichtige Rolle haben dabei natürlich selbstlose Omas, die ab und zu ihre Arbeit verlassen, um mit dem Enkel zu sein. Aber nicht jede Familie hat so eine Oma - ich habe, zum Beispiel, keine.. Aha, beendet!

Ich bekomme das blaue Blatt in die Hände und gehe die Ärztin bis zur Tür begleiten. Sie sieht schon viel freundlicher aus, wir  besprechen, wie oft  Kinder in unserer Umgebung krank sind und wie schwer es ist, 900 Kinder betreuen zu müssen... "Seit ihr schneller wieder gesund!" sagt sie und verschwindet im Aufzug. Ich gehe in die Wohnung zurück, nehme einen Eimer mit Wasser und eine grosse Lappen: man muss den Fussboden waschen, Ärzte ziehen doch nicht ihre Schuhe aus, draussen ist aber soooooo schmutzig im Frühling. Mein Kleiner, der nur 20 Minuten geschlafen hat, springt wieder und will nicht seine T-Shirt suchen. So, wo ist die nächste Tablette?..

To be continued





 

Aktualisiert (16. März 2011)