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Leben - Sitten

Das Lichtfest am dunklen Novemberabend

Das Kulturzentrum sah vielleicht noch nie so viele Menschen mit jüdischen Gesichtzügen. Sie kamen und kamen, lebhaft und ein bisschen feierlich. Meistens waren das ältere Leute, aber auch einige Jugendlichen; alle waren fein gekleidet, alle miteinander bekannt. Es gab keine russischen Menschen – außer meiner Tochter und mir. Dunkle Augen blickten flüchtig auf unsere Personen, leichtes Erstaunen loderte auf und erlöschte: die Vorfreude der Feier dominierte über allen anderen Gedanken. 

Unsere Anwesenheit auf dieser Veranstaltung ist leicht zu erklären:

meine gute Freundin, reinblutige Jüdin, hat meine Tochter und mich ins Zentrum eingeladen. Auf prächtig glänzenden Eintrittskarten, die sie mir ausgehändigt hatte, stand das Chanukkia-Zeichen. Die Freundin hat gesagt, dass das Lichtfest mit dem Jubiläum der hebräischen Schule zusammengefeiert wird; diese Schule besuchen auch alle drei ihre Söhne. Natürlich war es für mich sehr interessant, die Veranstaltung zu schauen und auch mal einen echten Rabbiner zu sehen. 

Die Reihe mit unseren Plätzen  war eine der vorderen. Die Bühne lag klar, wie  auf der Hand vor uns; über unseren Köpfen hing ein riesiges Netz mit bunten Luftballons. Lustige Musik klang im Saal, solange alle nach ihren Sitzen suchten. Endlich wurde das Licht ausgeschaltet, auf dem Bildschirm oben lief die Erzählung über das Channukka-Feiern in verschiedenen Ländern. Präsidenten und Premierminister zündeten die Chanukkia-Kerzen eigenhändig an, fröhliche Gesichte und beste Glückwünsche lösten einander ab in diesem Weltkaleidoskop. Dann erschien ein nicht großer rotbärtiger Mann auf der Bühne. In schwarzem Hut, mit dazu gehörenden Schläfenlocken – das war natürlich der Rabbi, der mich so interessierte. In ein bisschen gebrochenem Russisch hat er allen Anwesenden zum Fest gratuliert. Dann kam eine Dame mit großem Strauß und hatte die Blumen dem Rabbiner für seinen Beitrag in die Organisierung der hebräischen Schule in Perm geschenkt.

Danach kam ein Mann – der Helfer des Bürgermeisters -  und hat auch seine Freude ausgedrückt, dass es so eine moderne und perspektivvolle Schule in der Stadt gibt. Der Rabbi war sehr zufrieden. Nachdem ist ein berühmter Theaterregisseur an Mikrofon gekommen und hat gesagt, dass er nach der Art seiner Arbeit sehr oft vor Publikum spricht, es war ihm aber noch nie so angenehm, wie diesmal, weil er vor sich endlich NUR Juden sieht. Ich habe dabei leichte Verlegenheit empfunden, weil meine Tochter und ich die Nationaleinheit irgendwie gestört haben, doch mein Applaus war genauso laut, wie bei allen anderen, echten von Gott ausgewählten Damen und Herren. 

Weiter ging alles mit Kindern. Die Schüler haben sehr gute Vorstellung vorbeireitet, es war die Geschichte der Chanukka, mit Tanzen, Singen, Kostümen und schöner Musik. Ich habe einfach vergessen, dass ich mit diesem Fest sehr wenig zu tun habe – die Kinder meiner Freundin haben ihre Talente gezeigt, sie selbst hat uns am Antrakt begrüßt und einigen Mitgliedern der Gemeinde vorgestellt. Freundliche und fröhliche Atmosphäre hat meine Zweifel zerstreut, wir waren da angenommen und gewünscht. Kann sein, das Licht der Chanukkia, die der Rabbiner Kerze nach Kerze angezündet hat, hat in die Menschenherzen wirklich Nächstenliebe gebracht. Und die Luftballons, die auf uns am Ende des ersten Veranstaltungsteil fielen, warfen wir weiter, von Reihe zur Reihe, und alle lachten und schauten einander mit glücklichen Augen an. Und wie konnte es anders sein: drei Mädchen aus der Schule sangen mit Engelstimmen: „Meine liebe Herbäer, ich wünsche euch Glück im Leben...“ Der Motiv war so klasse, dass ich still mitsang und dachte, wie schön es ist, dass das Volk endlich offen seine friedlichen Feste feiern darf.

In zweitem Teil sind auf die Bühne zwei eigenartige Männer gekommen: bei dem Ersten war alles schwarz - runder Hut, kleine Brille auf der Nase, vollkommen zugeknöpfter French; der Zweite hatte gestreifte Jacke und wahnsinnig langen Schal, gewickelten mehrmals um den Hals herum. Und sie beiden haben hebräische Lieder Jiddisch-Russisch gesungen, lustig und lyrisch, mit immer leichttraurigem Humor, der dieser Kultur gehört. Das Publikum lächelte bei „Tumbalalaike“ und „Az Der Rebe Tanzt“ und wischte sich Tränen bei „A Jiddische Mame“ ab. Und als das Konzert schon zum Ende war, standen wir auf dem Stadtplatz. Es war kalt und windig, der Rabbi hat mit seinen roten, gefroreren Fingern eine riesige elektrische Chanukkia eingeschaltet. Acht Lampen sind in der Höhe angegangen und so ist  es ein bisschen heller am dunklen Herbstabend im Westural geworden. 

Hier ist das Lied „A Jiddische Mame“ im Jiddisch, gesangen von S. Rabinowitsch

http://www.youtube.com/watch?v=-EQ6NpJ-kyo&feature=related

Hier ist das Lied im Englisch, anders arangiert: 

http://www.myvideo.de/watch/3563189/Mein_Juedische_Mama_Roma_Sinti

weitere Links: 

http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/hanukah/rothschild.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka

http://de.wikipedia.org/wiki/Chanukkia

Aktualisiert (16. März 2011)