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Leben - Sitten

Eine Untersuchung bei Permer Kälte

Vier freie Tage sind auf Russen im November 2010 „gefallen“ – aber wer soll damit unzufrieden sein? Sehr wenige Menschen fragen sich, warum sie nicht zur Arbeit gehen müssen, sondern widmen die von der Regierung geschenkte Erholung dem Schlaf, Fernseher und Haushalt. Und was bitte soll man noch in Perm am Anfang November tun: der Himmel ist grau, es regnet und es ist kalt, windig und schrecklich unangenehm…

Also, der Feiertag ist eigentlich der 4. November. Wissen Sie, wie er heisst? Ich dachte, ganz naiv, sein Name ist „der Tag der Versöhnung und der Zustimmung“, aber das war in vorigen Jahren so! Nun heisst er „Tag der Einheit des Volkes“. Aber warum soll das Volk unbedingt am 4. November einheitlich sein – und nicht an anderem Datum? Und wer mit wem sich versöhnen sollte? Diese Fragen haben meine Herbstmelancholie verjagt und ich habe mich in Surfing gesetzt.

Sehr schnell habe ich interessanteste Dinge erfahren. Vor allem, das an diesem Datum der Tag einer orthodoxen Ikone gefeiert ist – von der Gottesmutter von Kasan. http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesmutter_von_Kasan Gut, aber das ist sicher kein Staatsfeiertag: Kirche ist in Russland seit sowjetischen Zeiten von dem Staat abgetrennt. Aha! 17. Jahrhundert, polnische Angreifer wurden von dem Volksaufgebot unter der Führung von Kusma Minin aus Moskau weggejagt, die Hauptstadt Russlands wurde befreit – und im Volksaufgebot haben Menschen verschiedener Nationalitäten und Konfessionen nebeneinander gekämpft – darum wurde es neulich als Tag der Einheit des Volkes deklariert. Nun, eigentlich nicht unlogisch. Was denn mit der Versöhnung? Und da treten wir endlich auf das Territorium ein, wo „der Hund begraben ist“: politische Interesse.

Der 4. November war seit 1917 ein absolut niemanden interessierender Tag, sein „Kalendernachbar“ der 7. November war umgekehrt eine besondere Feier – der Tag der Grossen Oktoberrevolution. Jedes Jahr wurden in diesem Datum grandiose Paraden auf dem Roten Platz durchgesetzt, in jeder Stadt wurden Menschen zur einen Demonstration gesammelt. Oh, ich erinnere mich sehr lebendig an diese Demonstrationen. November in Perm…. Aber das habe ich schon beschrieben. Und bei so unpassendem Wetter gingen wir als Schüler, dann als Studenten in grossen Menschenkolonnen, mit Fahnen und Losungen zur Ehre der Revolution. Dafür nach paar Stunden Erfrierens durften wir nachhause gehen und an diesem Tag nicht lernen!

Na gut, weg mit Kindererinnerungen. Was haben wir heute? Nach dem, als die Sowjetunion ihre Existenz beendet hat, hat die Oktoberrevolution andere Bedeutung bekommen. In Grund- und Hochschulen mussten Professoren, die Jahre die Revolution und ihre Führer gerühmt haben, nun über roten Terror und „jüdisches Komplott“ erzählen, sonst würden sie ihre Arbeitsstelle und also den Lohn verlieren. Russische Geschichte wurde plötzlich unter diametral anderem Winkel eingeschätzt. Und wäre gut überhaupt über 7. November vergessen, aber:

  1. Menschen haben dieses Datum fest mit einem freien Tag  und Feiertisch, Grußkarten und feierlicher Stimmung assoziiert;
     
  2. am 7. November hat eine Parade stattgefunden, der aus der Geschichte des Staates einfach auf keinem Fall ausgenommen sein kann – die Parade im 1941, wann gingen sowjetische Menschen von dem Roten Platz direkt an die Front, wenige von ihnen haben den Krieg überlebt. http://www.youtube.com/watch?v=jDlbGucdtpk. Einfach so diesen Tag aus dem Leben der Menschen konnte man nicht streichen. Zuerst wurde der 7. November als Tag der Versöhnung und Zustimmung deklariert, womit die Weissen und die Roten aus den Revolutionszeiten als zwei Seiten eines Volks genannt wurden. Das hat aber kein grosses Verständnis in russischen Herzen getroffen: zu blutig war die Geschichte, um es mit einem Federstrich zu nivellieren. Dann, nach einigen Überlegungen und Schwankungen, hat die Staatsduma http://de.wikipedia.org/wiki/Duma entschieden, ein freier Tag im November wird für Russen bewahrt, wird aber auf 4. verschoben und mit der Volkseinheit verbunden. Damit wurden die gewöhnliche Erholung und feierlicher Tisch gerettet. Was denn die Parade von 1941 betrifft, wird es nun als ein von der Tagen der Militärruhm Russlands sein. Damit sollen nach und nach alle Erinnerungen über die Oktoberrevolution aus dem Volksgedächtnis gelöscht werden.

Stille auf der Strasse. Keine Fahnen, keine Musik, wie in den Tagen meiner Kindheit. Aber auch muss ich nicht draussen frieren, in der Kolonne vor dem Stadtplatz einen Schritt pro eine Minute machen. Kann zuhause sitzen, im Net surfen und Tee trinken. So einen Tee haben wir damals nicht gehabt, haben meist georgischen oder indischen getrunken. Jetzt steht vor mir ein Glas mit Hyleys, ich bedecke nicht den Tisch zum Ruhm der Revolution und denke auch nicht besonders über die Einheit des Volkes und politische Versöhnungen. Ich sehe, allen ist heute eigentlich egal, warum wir am 4. November nicht zur Arbeit müssen und wie der neue Feiertag heisst. Die Hauptsache, Russland erholt sich im November, wie es traditionell ist.

Aktualisiert (16. März 2011)