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Leben - Gesellschaft

Fernseher in Korridoren und moderne Apparatur in Kabinetten,
oder Wie Permer Budgetangestellte VIP-Medizin geniessen

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wann ich meinen Hausarzt zum letzten Mal gesehen habe. Nicht, weil ich der gesündeste Mensch in Perm bin, sondern weil ich absolut keine Lust habe mit unserem „kostenlosen“ Medizinsystem in Kontakt zu kommen. Und nicht nur ich alleine! Husten oder Kopfschmerz, Unbehagen im Bauch oder Rückenprobleme? Da läuft ein mittelständischer Russe in eine Apotheke und fragt den Apotheker, was ihm helfen könnte. Oder auch nicht fragt, sondern paar Arzneien kauft, die er seit Jahren schon auf solcher Weise benutzt.

Ich kann nicht behaupten, es ist richtige Lösung, aber, dass sie absolut begründet ist, ist klar: wer möchte schon stundenlang Schlange stehen und dann 5 Minuten oberflächlich und gar nicht freundlich untersucht werden und oft noch so eine Frage vom Arzt zu hören: „Na, welche Mittel haben Sie zuhause? Also nehmen Sie sie und kommen in 3 Tage wieder, mal sehen, wie es weiter geht…“ Als Resultat, gehen Menschen zum Arzt meist nur im Fall, wenn sie nicht mehr Schmerzen ertragen können oder eine Krankenschein brauchen, bei Fieber.

Auf diesem Hintergrund schien eine Initiative von Permer Gouverneur als eine Erlösung zu sein. Alle Budgetangestellte, wie Lehrer, Mediziner und Kulturfunktionäre, also gerade die schlechtesten bezahlte Spezialisten in Russland, durften kostenlos Zertifikate für 3 Tausend Rubel bekommen. Mit diesen Zertifikate können sie sich in einer Privatklinik für ein Jahr versichern lassen. Man erzählte mit leuchtenden Augen, wie Ärzte dort höflich und aufmerksam sind und es dort keine Schlangen gibt, sondern Fernseher in Korridoren und moderne Apparaturen in Kabinetten. Natürlich gab es auch real denkende Skeptiker, die sagten, das alles ist nicht als Gesundheitsverbesserung gemeint, sondern wurde ausgedacht, um Privatkliniken zu unterstützen, die wegen höheren Preisen nicht genug Patienten hatten. Auch redete man darüber wie über noch weitere Weise „Geld zu waschen“. Aber naive Seelen meinten: Nicht wichtig, was der wahre Grund ist, wenn es uns helfen kann!

Noch im November 2010 haben die ersten Zertifikate ihre Besitzer erreicht. Dabei wurde jedem Budgetangestellten nachdrücklich empfohlen sich schneller in einer Privatklinik zu registrieren. Den Mediziner wurden sogar eingeordnet im Laufe des Monates zu melden, wo sie sich versichern werden, sonst sollten sie „Probleme bekommen“. Interessanterweise gab es auch eine Bedingung bei der Registrierung noch eigenes Geld zu zahlen, von 400 bis 3000 Rubel zum Zertifikat. Dazu stehen alle Privatkliniken im Zentrum der Stadt, meine Kolleginnen waren echt damit unzufrieden, dass sie zum Empfang weit fahren müssten, obwohl eine kostenlose Poliklinik zu Fuss erreichbar ist. Und weil Bibliothekarinnen nicht wie Mediziner zwanghaft zur neuen Versicherung geschickt wurden, war ich eine der Wenigen, die mit dem Zertifikat in Office einer Versicherungsgesellschaft gegangen ist.

Im Office habe ich eine Menge Leute angetroffen, die keinen Platz finden konnten: man musste bestimmte Papiere ausfüllen und also einen Sitzplatz zum schreiben finden, dabei einen Muster vor Augen haben – das alles war in diesen Umständen etwas problematisch. Die Prozedur ging chaotisch und es war zu sehen, die Gesellschaft war solchen Zahl von Kunden gar nicht vorbereitet. Die neue Kunden waren verwirrt und in grosser Masse unzufrieden. Eine Frau hat mir ganz empört erzählt, sie ist Medizinerin und wurde aus dem Urlaub gerufen und dringend gegen ihrer Wille zur Registrierung geschickt,. Die Versicherung, die selbstverständlich freiwillig sein soll, sah schon irgendwie komisch aus…
Man redete laut über noch weiteren Betrug der Behörden und lächelte unlustig über Demokratie in Russland. Das Alles hat meinen Optimismus nicht gerade erhöht, trotzdem habe ich alles Nötige bis zum Ende gemacht und wurde versichert, nun kann ich mich jederzeit in der Klinik melden und auch einen Arzt nachhause bestellen. 1'500.-- Rubel habe ich mit dem Zertifikat abgegeben und fühlte mich fast wie eine VIP-Person, die nun beste Medizin bekommen wird.

In paar Tagen habe ich mich schlecht gefühlt. Erhöhte Temperatur, starker Husten, Hals-und Knochenschmerz – und ich habe entschieden meine neue „VIP-Lage“ zu nutzen. Es war gegen 8:00, wenn ich das Telefon genommen habe. Lange konnte ich keine Antwort bekommen, aus dem Hörer kam nur die Information, dass alle Operatoren beschäftigt sind und ich auf der Linie bleiben soll. Das dauerte ungefähr 20-30 Minuten. Endlich habe ich einen Operator erreicht. Auf meine Worte, dass ich einen Arzt bestellen möchte, wurde mir gesagt, alle Ärzte sind für heute schon bestellt, ich soll die Bestellung entweder auf morgen verschieben oder selbst in die Poliklinik kommen. Ich habe unzufrieden gesagt, dass ich den Krankenschein für mein Arbeitgeber für heute brauche und selbst nicht kommen kann, weil ich Fieber habe (in diesem Fall ist es eigentlich in Russland unerwünscht in der Poliklinik zu erscheinen, weil Fieber oft mit Infektion verbunden ist, und so kann man andere Menschen anstecken). Der Operator hat ein wenig geschwiegen und dann erklärt, ich soll also Notarzt anrufen.

„Notarzt anrufen…“ Guter Vorschlag! Aber ich habe mein Zertifikat und meine 1,5 Tausend Rubel gar nicht dem Notarztdienst abgegeben! Ich habe das Gespräch beendet und die Uhr geschaut. Es war 8:40. In 20 Minuten sollte mein Arbeitstag beginnen. Ich habe mich schnell angezogen und bin zur Arbeit gegangen, dort habe die Situation mit meinen Kolleginnen besprochen und erfahren, sie haben schon von anderen Menschen gehört: die Privatkliniken, die so viele Patienten plötzlich bekommen haben, haben keine Möglichkeiten sie allen zu bedienen, sagen in teuren Untersuchungen ab und schlagen vor den Notarzt anzurufen, weil sie so viele Ärzte selbst gar nicht haben.

Und da ist in mir eine Frage entstanden: ob die Zertifikate wirklich mit dem Geld versorgt wurden oder war es einfach eine Vereinbarung zwischen Permer Behörden und Privatkliniken, die Patienten registrieren, aber sie gar nicht richtig behandeln werden. So könnte es gerade im Fall der Geldwäsche sein: das Geld, das hinter Zertifikaten stehen sollte, ist in anderen Taschen verschwunden, Kliniken haben dabei nur Dekorationsrolle gespielt. Und natürlich werden sie nun alles Mögliche tun, um ihre „Zertifikat-Patienten“ billig zu betreuen oder überhaupt auf Notarzt weiterleiten. Wenn alles wirklich so ist, ist dann verständlich, warum die Kampagne mit Zertifikaten so hart von Behörden kontrolliert wurde: mit den Zertifikaten musste eine grosse verschwundene Summe rechtfertigt werden. Es erklärt dann auch, warum ein Zertifikat an sich nicht genug war und man noch eigenes Geld zahlen musste: es scheint so, dass ich mich real nicht für 4,5, sondern nur für meine 1,5 Tausend Rubel versichert habe.

Seit meiner neuen „VIP-Versicherung“ ist mehr als ein Monat vergangen. Ich huste weiter, schlucke mir bekannte Arzneien und habe genau so keine Lust, wie früher, mich bei einem Arzt anzumelden. Man erzählt, in diesen Privatkliniken gibt es nun genau solche Schlangen, wie in kostenlosen staatlichen Kliniken, und Fernseher in Korridoren und moderne Apparaturen in Kabinetten faszinieren nicht mehr, weil einen Fernseher, Gott sei Dank, jeder Russe zuhause hat und teure Apparatur offensichtlich nicht für jeden Patient prädestiniert ist…

P.S. Ich habe heute eine Werbung von einer Permer Privatklinik gesehen, die im Zertifikat-Programm nicht teilgenommen hat. Die Versicherungspolice kostet dort 1'500.-- Rubel und gar nicht 4'500.--, wie mein, dabei ist hochmoderne Betreuung angeboten. Warum denn habe ich so teure Police und kann damit nicht richtig bedient werden?..