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Leben - Gesellschaft

Diesen Junge

kenne ich seit Jahren. Wenn ich mit meinem Sohn aus dem Kindergarten früher ging, sah ich Ljonja auf der Schaukel. Winter oder Herbst – seine roten Hände und leichte Jacke brachten mich jedes Mal zum Beben. „Ljonja“, fragte ich, „frierst du nicht?“ „Nein!“ antwortete der Junge munter, unter seiner Nase war es dabei immer nass. So gingen Jahre. Sollte er jünger als mein Sohn sein, würde ich ihm seine Kleidung abgeben, aber Ljonja ist in paar Jahre älter. Ich weiß, er lebt in einer kinderreichen Familie, wo die Mutter viel Alkohol trinkt, über den Vater ist überhaupt wenig was bekannt. Ljonja lebt nach den Strassengesetzen, hat sehr früh gelernt sich vor Jungen und Erwachsenen mit den Fäusten zu verteidigen. Alte Frauen im Hof sagen, er klaut etwas ab und zu – aber ich weiß es nicht wirklich. Ich weiß aber, dass er sehr oft auf dieser Schaukel sitzt, wenn andere Kinder in der Schule sind. Ich weiß auch, wie seine Augen vom Jahr zum Jahr trauriger sind, wie er versucht in dieser Welt selbstständig zu überleben. Sein Mund ist fast immer halbgeöffnet, es ist wahrscheinlich die Folge der Kieferhöhlenentzündung, darüber sagt auch seine Stimme. Ich habe auf ihm nie Handschuhe gesehen, wie auch keine guten Winterschuhe, die russischem Frost entsprechen würden. Ab und zu spielt er mit meinem Sohn, aber kann seine Kraft nicht richtig kontrollieren und mein Junge klagt dann, Ljonja hat ihn zu stark abgestoßen oder über die Schulter geworfen… Ich kenne Ljonja und weiß, ein böser Mensch ist er nicht. Einmal, wenn sich die Klagen meines Sohns mit Tränen gemischt haben, habe ich Ljonja streng gefragt, warum er so handelt. Ich war erstaunt: seine Augen sind feucht geworden und er hat sich heftig entschuldigt und erklärt, er wollte nichts Schlimmes tun, hat nur schlecht seine Kräfte verrechnet. Seine Reue war offensichtlich und aufrichtig, aber nicht nur seine Worte sagten mir über sein Verhältnis zu meinem Junge: sehr oft hat er ihn vor älteren Jungs verteidigt. Ich kann für ihn nicht viel tun: der Lohn einer Kinderbibliothekarin in Russland ist gegen dem Existenzminimum. Ich versuche nur nach meinen Möglichkeiten ihn wie einen glaubwürdigen Mensch zu behandeln, ich denke, das ist für jeden Mensch sehr wichtig.

Aktualisiert (03. November 2011)