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Leben - Gesellschaft

Einmal ist ein Mädchen in die Bibliothek gekommen, um ein Buch zurückzugeben, und war ungewöhnlich still. In vorigem Jahr, wenn es die erste Klasse besuchte, war es sorglos und lebhaft, lachte und sprach manchmal zu laut und bekam dann Verweise von mir oder meinen Kolleginnen. Sie fing an sofort sich gut zu benehmen, aber kleine Teufelchen in seinen braunen Augen sagten, seine Stimmung ist gar nicht runtergefallen. Und jetzt stand die Kleine vor dem Katheder mit großem Buch in der Hand und ihre Augen waren betrübt. „Verzeihen Sie bitte“ hat sie fast geflüstert, „ich habe das Buch vergessen zurückzubringen.“ Ich habe ihre Lesekarte geschaut und alles verstanden: sie hat das Buch mehr als zwei Monaten behalten, wofür sie eine Buße bekommen sollte. Es tut mir immer leid, wenn ich unsere Leser mit Geld bestrafen soll, aber – „dura lex, sed lex“. Ich habe das Buch genommen und dem Mädchen ruhig erklärt, es soll die Buße zahlen, erst dann darf es wieder Bücher nachhause nehmen.

Das Mädchen hat verständnisvoll genickt und gesagt, es weiß es und wird seinem Papa sagen, er soll es zahlen. So haben wir abgemacht, und das Mädchen ging weg. In paar Tagen ist seine alte Oma gekommen und wollte die Buße zahlen. Ich habe gesagt, es wäre vielleicht besser, wenn die Eltern diese Pflicht auf sich nehmen: nach ihrem Kleid war es zu sehen, die Frau hat keinen überflüssigen Rubel in der Tasche. Sie hat aber geseufzt und erklärt, es wäre natürlich besser, aber ihre Enkelin braucht unverzüglich einen Text für die Schule und ihr Vater wohnt nicht mehr bei ihnen, trinkt, kommt nur ab und zu und es ist unklar, wann er nächstes Mal erscheint. „Na gut“ habe ich gesagt „aber es gibt noch die Mutter…“. „Die Mutter hat einen neuen Freund“ hat mir die Frau geantwortet „und lebt jetzt in anderem Stadtbezirk, ist schwanger, darum kommt auch nicht“. Ich habe nichts mehr gefragt, nur habe begriffen, warum sich das Mädchen so stark verändert hat. Von früherem lustigen Wesen gab es keine Spur mehr, tiefe Trauer hat sich ein Nest in ihren teebraunen Augen gebaut.

Die Eltern dieses Mädchens sind zwar nicht total in Alkohol getaucht, gar nicht gestorben – aber das Mädchen ist wie eine Waise bei lebendigen Eltern geblieben. Die Oma ist alt und nicht gesund, muss nach dem Mädchen schauen, während ihre Tochter und ihr, wahrscheinlich schon ehemaliger, Schwiegersohn ihre persönlichen Leben ordnen. Das Mädchen kommt nun sehr selten in die Bibliothek, ich sehe ab und zu, wie es, schlecht angezogen, Kopf zum Boden, mit schweren Taschen in Händen läuft und vermute, es muss seine Liebe zum Lesen den Haushaltsorgen opfern.

Aktualisiert (03. November 2011)