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Leben - Gesellschaft

Eine Kinderbibliothek ist im Prinzip eine Oase, wo meist kluge und wissbegierige Besucher erscheinen. Glänzende Augen und lebhaftes Interesse, mit dem sie Informationen annehmen und ihre Lebenserfahrungen mitteilen, ihre Dankbarkeit und aufrichtige Lächeln sind vielleicht der Hauptgrund, warum Kinderbibliothekarinnen ihre so schlecht bezahlte Arbeit sehr selten verlassen. Meine ersten Leser haben schon eigene Kinder – aber begrüßen mich auf der Straße mit Freude – und ich erkenne die Mädchen und Jungs in diesen hübschen erwachsenen Menschen. Wir, Kinderbibliothekarinnen, sehen viel weniger Tugend und wissen nur einen kleinen Teil davon, was Pädiater und Lehrer wissen. Aber auch wir trinken ab und zu aus dieser bitteren Tasse des menschlichen Wehs, und diese Erinnerungen prägen sich stark ins Gedächtnis…

Vom Winde verweht…

Nicht oft, aber von Zeit zu Zeit kommen sie zu uns, um eine Veranstaltung zu besuchen, - die Kinder aus der Heimstätte, die einigermaßen nicht weit von der Bibliothek steht. Sie sind dort nur Gäste, verbringen dort nur paar Monaten, bis ihr weiteres Schicksal bestimmt wird. Dann gehen Meiste in verschiedene Kinderheime, sehr wenige werden zurück in ihre Familien gelassen (wo trinkende Eltern leben, denen das Gericht ihre Elternrechte noch nicht abgenommen hat ), einige werden von Omas oder Tanten adoptiert. Ich habe so eine Veranstaltung geführt, vor mir saßen Kinder mit seltsamen Augen.

Ich rede oft über Augen – weil ich Gesicht eines Menschen in erster Linie sehe. Es war eine ungewöhnliche Gruppe: von 6 bis 17. Ich habe Sorgen gehabt, ob die ältere Mädchen und Jungs meine Erzählung ernst nehmen werden, ob das, was ich mit einfacher Sprache sage, nicht zu primitiv für sie sein wird. Meine Sorgen waren aber vergeblich. Im Lesesaal stand das Geruch von billigem Tabak, das von ihrer Kleidung stammte, ihre Wörter waren weit von gewünschtem Niveau, das ihrem Alter entspräche. Aber ich hatte das Gefühl, ich bin mit Wasser in eine Wüste gekommen – und jetzt saugt jeder spärlicher Keim die Tropfen auf. Die großen Mädchen, mit absurden Frisuren, fett gemalten Augenkonturen, haben ernst über wilde Tiere aus dem Roten Buch gehört, sich mit unerwarteter Zärtlichkeit an irgendeine Kätzchen erinnert, die sie je irgendwann irgendwo hatten… Arme Kinder ohne eigenem Dach über dem Kopf, sie haben ihre Herzen nicht verloren – noch nicht. Sogar Jungs, die zuerst ganz skeptisch eingestimmt waren, haben ins Gespräch teilgenommen. Wann waren sie zum letzen Mal in der Schule… Warum wissen sie nicht einfachste Dinge, können nicht einfachste Fragen beantworten – aber wissen sehr gut, was Leid und Hilflosigkeit ist. Wurden sie schon selbst wie wilde Tiere gejagt, von dieser Realität, wo sie ihren Verwandten nicht nötig sind… Das dachte ich, wenn ich ihre Reaktionen sah. Die Kleinsten saßen schweigend. Sie waren vielleicht zum ersten Mal in so eine Heimstätte geraten und sehnten nach dem Zuhause. Wie kann das sein… Fremde Sachen auf ihren Körpern – ausser jeglichem Stil, nicht ganz nach richtiger Grösse…

Wie kann das sein… Kein Krieg, kein Erdbeben, aber ihre kleinen Leben wurden unter friedlichem Himmel explodiert, zerbrochen. Jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, sehe ich Männer und Frauen, die menschliches Äussere nach und nach verlieren. Geschwollene schmutzigen Gesichte, schwarze Münde mit verfaulten Zähnen rufen Ekel hervor. Sie ziehen sich zum Laden für nächste Portion billigen Wodka. Ob IHRE Kinder vor mir damals saßen? Oder haben die Kinder keine Eltern mehr? Ich kann es nicht wissen, ich weiß nur, Legion ist ihr Name – dieser Selbstmörder von Alkohol…

Die Veranstaltung ist damals erfolgreich zum Ende gekommen. Die Kinder gingen weg und sagten mir danke – und verschwanden aus meinen Augen für immer, vom Schicksalswinde verweht. Ich hoffe, nach dem, wie sie über kleinen Tigerjunge aus dem Lied geweint haben, werden sie nicht Katzen aufhängen und in Hunde mit Steinen werfen. Dass sie dieser Welt für ihren Schmerz nicht rächen werden und ihren Weg finden, Menschen zu bleiben…

Aktualisiert (13. November 2011)