Banner
Leben - Gesellschaft

Der Sozialwaisenstand nimmt bedrohende Formen, mindestens in der Stadtecke, wo ich lebe und arbeite. Als Kinderbibliothekarin sehe ich in letzten Jahren viele bejahrten Frauen, die ihre Enkel adoptiert haben. Sie reden darüber ungern, mit gestillter Stimme, weil die Kinder nicht immer im Bilde sind, dass ihre Mama in der Tat ihre Oma ist.

  • Gesetzliche Normen erlauben nicht, dass eine alte und kranke Person jemanden adoptiert oder Patenschaft aufnimmt. In meiner Praxis gab es einen Fall, wenn eine wirklich sehr schwache und alte Dame für ihren Enkel kam in die Bibliothek kam, aber kein Dokument geben könnte, dass sie seine Interesse vertreten darf. Das dürfen Eltern oder adoptierende Personen tun, aber sie hat erzählt, ihr Enkel ist absoluter Waise geworden, lebt bei ihr in kleiner Wohnung und aus ihrer Rente. Aber die Patenschaft hat andere Oma auf sich gemacht, weil sie noch arbeiten kann und bessere Lebensumstände hat. Wenn sie es nicht machen würde, sollte der Junge in ein Kinderheim geraten. Aber wie sie keinen großen Wunsch ihn zu pflegen hatte, auch der Junge selbst bei ihr nicht leben wollte, so hat die ältere Oma alle Sorgen um den Enkel übernommen. Mein Herz drückte immer zusammen, wenn sie die Stufen mit Mühe überwältigte und mit schwerem Atem zum Katheder ging, nötige Bücher nahm und sich langsam, Schritt nach Schritt, wegbrachte. Einmal hat sie mit Tränen erzählt, warum der Junge verwaist ist. Seine Mutter ist von Narkotika gestorben, der Vater war im Gefängnis. In den Augen der alten Frau stand die Frage, die sie sich wahrscheinlich nie beantworten können wird: wie konnte das alles passieren? Was fehlte ihrem Sohn, dass er viel trank und wegen Alkohol ein Verbrechen gemacht hat? Was fehlte ihrer Schwiegertochter, dass sie in Drogen versunken ist?.. Und ich habe schon lange die Ahnung verloren, wie viele Kinder in unserem Stadtbezirk auf gleicher Weise ohne Eltern geblieben sind…

  • Diese Frau schien gegen 60 zu sein, das Mädchen, das mit ihr in die Bibliothek kam, nannte sie aber „Mama“. Sie kam sehr oft und kümmerte sich um kleines Mädchen sorgfältig, erzählte, wie schwer ihr die Sorgen um die Tochter fallen. Sehr bald hat sie aber mit flüsternder Stimme mitgeteilt, es ist gar nicht die Tochter, sondern eine Tochter von ihrer Tochter, also – ihre Enkelin. Ihre Tochter, sagte sie genau so still, während das Mädchen die Bücher schaute, war Alkoholikerin und war einmal gestorben, die Ehe war nicht registriert, also ist der Vater bald weggegangen und seine Spuren wurden verloren. Die Oma hat die Enkelin offiziell adoptiert und die Wahrheit von dem Mädchen verborgen. Ihr Gesicht mit vielen Falten, ihr armes Kleid, graue Haare und zitternde Hände unterschieden sie sehr stark schon damals von anderen Müttern. So gingen paar Jahre. Das Mädchen ist in die Mittelschule gegangen. Ihr Blick und ihre Manieren haben sich sehr stark verändert. Statt einem scheuen, aber neugierigen Wesen steht nun ein 11-jähriges Mädchen mit finsterem Blick vor uns und schaut „die Mutter“ fast mit Hass an. Die Frau arbeitet in der gleichen Schule, wo das Mädchen auch lernt, als Putzpersonal, ihr Alter ist noch mehr offensichtlich geworden. Alle Ratschläge und Lehren nimmt das Mädchen von ihm schweigend an, statt Bücher wählt nur Kinderzeitschriften über Barby und Prinzessinnen. Die Frau erzählt nun, dass ihre Tochter-Enkelin einen PC und modische Kleidung will und sie dafür kein Geld hat… Vor einigen Jahren lächelte sie, erzählend, wie gut sie das alles mit der Adoptieren ausgedacht hat, heute sagt sie, ihre Kräfte sind zu Ende und auch die Gesundheit hat sich sehr verschlechtert. Was passiert mit dem Mädchen in nächsten Jahren – wer kann das sagen…

Alkoholiker und Narkosüchtige bewohnen dieser Ecke der Stadt. Sie bringen Kinder zur Welt – im Rausch. Sie gehen dann oft in Gefängnisse oder treten aus dem Leben aus. Und ihre unglücklichen Eltern, die in der Industrie gearbeitet haben, die Häuser in diesem Bezirk gebaut haben, um nächsten Generationen besseres Leben vorzubereiten, trocknen die Augen und nehmen die verwaisenden Kinder zu sich. Und die Statistik zeigt, wie die Zahl der Sozialwaisen vom Jahr zu Jahr wächst. In Russland, das Erdöl, Erdgas, Diamanten und Gold hat. Das alles hat auch die Permer Region, wo aber manche Menschen arm sind, wo hungrige herrenlosen Hunde in Meuten leben und sich vermehren und ab und zu Leute beißen. Wo Armut und Unsicherheit herrschen, dort blühen Alkoholismus und Narkomanie. Und in diesen Umständen müssen Kinder und Hunde irgendwie überleben…

In der Stadt Perm funktionieren 8 spezialisierte Anstalten für Kinder, die ohne Elternfürsorge geblieben sind. Diese Kinder haben keine Mütter, sie haben auch keine Omas. Viele aus ihnen sind nicht gesund und werden kaum irgendwann adoptiert.

Aktualisiert (03. November 2011)