| Leben - Gesellschaft |
Angelina
Sie ist eine Ausnahme aus den Fällen der Waisenstand, die vor meinen Augen gehen. Weil ihr Opa der Pfleger ist. Alter Mann, er kommt in die Bibliothek regelmäßig, seit der Zeit, wenn seine Enkelin noch vier oder fünf war. Nun geht sie in die Grundschule und ihre dunklen dünnen Zöpfe sehen weit vom Ideal aus. Irgendwann lernt sie es sich selbst zu machen, für heute machen es die ungeschickten Opas Hände. Ich habe nie gefragt, wo ihre Eltern sind, was für eine Tragödie dem kleinen Mädchen ihre Familie weggenommen hat. Ich weiß nur, Jahr nach Jahr kommt der Mann für die Bücher, mal allein, aber öfter mit der Enkelin zusammen. Er kommt und setzt sich fast sofort auf einen Stuhl und atmet paar Minuten schwer und schaut mit Liebe seine Angelina. Er hat alle unseren Regel am Anfang erfüllt: das Dokument über Patenschaft wurde uns gegeben, zusammen mit seinem Pass, wo das Geburtsdatum auf die Vorkriegszeit zeigt. Angelina ist ein stilles Kind. Sie lächelt nicht oft, macht keinen Lärm, spricht mit uns nicht und führt die Augen zum Boden, wenn wir was fragen. Ihr Opa ist ihr ganzer Weltraum, sie kommuniziert nur mit ihm und schaut nur ihn an. Meine Kolleginnen und ich drängen nicht, lassen sie ruhig zwischen Regalen gehen. Sie wählt ein Buch und gibt es dem Opa, er steht ein wenig mühsam auf und kommt zum Katheder, lächelt und sagt etwas scherzhaftes. Er hat niemals eine Klage ausgesprochen, keinmal irgendeine Unzufriedenheit geäußert. Er ist sehr geduldig, dieser alter Mann, er hat schon vieles überlebt. Und muss noch möglichst lange leben, er spart Kräfte und meidet es, sie für Konflikte auszugeben. Er ist sehr pünktlich, und wenn er nicht zum Termin kommen kann, ruft er unbedingt an und bittet um die Fristverlängerung.
Seine Kleidung ist alt, Angelina ist immer sauber, aber auch bescheiden angezogen. Ich kann mir vorstellen, wie streng sparsam sollten sie leben – die Preise steigen ohne Pausen und Eltern müssen jeden Monat etwas in der Schule bezahlen. Sonst geht es einfach nicht – die Schulausbildung in Russland ist als kostenlos deklariert und Beamten behaupten, Schulen sind komplett mit allem Nötigen angerichtet, das ist aber weit von der Realität. Das weiss ich selbst sehr gut, mein Sohn besucht auch Grundschule und ich gebe jeden Monat nicht wenig Geld aus der Tasche aus. Wie schafft es der Angelinas Opa, das ist für mich ein Rätsel. Kann sein, das Mädchen hat als absolute Waise irgendeine Sonderrechte, z. B. darf kostenlos frühstücken. So was gab es in früheren Zeiten, wie es für heutigen Tag ist, habe ich keine Ahnung. Ich sehe, dass rosa Mantel auf dem Mädchen schon grösser sein sollte und ihre Schuhe sehen so aus, als wenn es sie von jemandem schon in altem Zustand bekommen hat.
Aber der Opa trägt seinen Kopf hoch und es ist zu sehen, er will keine Fragen und kein Mitleid. Er berichtet stolz, wie schnell seine Angelina ein Buch gelesen hat, er fragt sie, was sie als Hausaufgabe lesen sollte. Sie sagt es ihm sehr still fast ins Ohr und er wiederholt es für uns und wir sehen, sein größter Wunsch ist, dass seine Enkelin und er würdig behandeln sind. Und wir werfen keine mitleidigen Blicke aufs Mädchen, wir sprechen mit dem Mann freundlich und fröhlich. Und erst wenn sie die Bibliothek verlassen, kommen Schatten auf unsere Gesichte. Und oft passiert es, eine Kollegin sagt still: möge Gott dem Alten lange Jahre geben…
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Aktualisiert (03. November 2011)



